Wechseln zu: Navigation, Suche

TUB:Seminar:Allgemeine Informationen

Das Blue Engineering Seminar an der Technischen Universität Berlin

Blue Engineering Seminar 2015 1.jpg

Das interdisziplinär ausgerichtete Blue Engineering-Seminar bietet angehenden Ingenieur_innen einen Blick über den Tellerrand und eine (inter-)aktive Auseinandersetzung mit ihrer sozialen und ökologischen Verantwortung. Sie erhalten so Gelegenheit sich ihrer eigenen Werte bewusst zu werden und diese mit anderen zu reflektieren. Zudem wird der Lehr-/Lernprozess im wesentlichen auf die Studierenden verlagert, so dass sie die Verantwortung für ein gutes Gelingen des Seminars übernehmen und zugleich bestimmen sie so dessen zukünftige Entwicklung mit. Insgesamt ergänzen die Studierenden so ihr Fachwissen durch ein Orientierungswissen und Gestaltungskompetenzen, die ihnen helfen ihre Rolle in Bezug auf Technik und Gesellschaft zu kennen und mit anderen gemeinsam auszugestalten.

Lernziele

Das Blue Engineering-Seminar hat fünf grundlegende Lernziele:

Die Studierenden...

  • analysieren und bewerten das Wechselverhältnis von Technik, Individuum, Natur und Gesellschaft
  • legen als angehende Ingenieur_innen ihre persönliche Sichtweise und Verantwortung innerhalb des des Wechselverhältnisses dar und können entsprechend individuell handeln
  • erarbeiten sich gemeinsam mit anderen angehenden Ingenieur_innen eine gemeinsame Sichtweise des Wechselverhältnisses, können gemeinsam entsprechend handeln und eine demokratische Ausgestaltung befördern
  • gestalten ihr eigenes Seminar und bestimmen die weitere Entwicklung des gesamten Blue Engineering-Seminars mit.

Das Blue Engineering-Seminar hat zum Ziel, das angehende Ingenieur_innen ihre individuelle sowie ihre gemeinschaftliche und gesellschaftliche Verantwortung kennen. Zugleich werden sie befähigt, gemäß ihrer Verantwortung handeln zu können. Hierzu analysieren und bewerten die Studierenden das gegenwärtige Wechselverhältnis von Technik, Natur, Individuum und Gesellschaft aus verschiedenen Sichtweisen. Als angehende Ingenieur_innen legen sie anschließend auf dieser Grundlage ihre persönliche Sichtweise des Wechselverhältnisses dar und berücksichtigen es in ihren individuellen Handlungen. Zugleich erarbeiten sie sich mit anderen ein gemeinsames Verständnis des Wechselverhältnisses und fördern eine demokratische Ausgetaltung.

Dieses Lernziel wird durch die 12 Gestaltungskompetenzen einer Bildung für Nachhaltige Entwicklung weiter präzisiert. Die Lernaktivitäten und Lernüberprüfungen des gesamten Seminars sind so gestaltet, dass die Teilnehmenden die 12 Gestaltungskompetenzen kontinuierlich über ganze Semester einüben, festigen und letztlich dauerhaft erwerben. Die Evaluation des Seminars zeigt, dass die Studierenden in allen 12 Gestaltungskompetenzen erhebliche Steigerungen verzeichnen.

Bausteine

Bausteine sind das Kernelement des Blue Engineering-Seminars. Diese inhaltlich und didaktisch gut dokumentierte 30- bis 90-minütige Lern-/Lehreinheiten verlagern sowohl den Lern- als auch den Lehrprozess innerhalb eines Seminars weitestgehend auf die Teilnehmenden. Bausteine schaffen die Balance zwischen Faktenvermittlung und Orientierung/Reflexion/Positionierung der Teilnehmenden zum Beispiel durch simulierten Gerichtsverhandlungen, Talkshows, Stationenlernen, aber auch durch multimediale/multisensuale Wissensspeicher, die ein Thema aus unterschiedlichen Perspektiven aufbereiten sowie durch spielerische Formate, wie z.B. ein Kraftwerksquartett, Mülltrennung - ein Kinderspiel! oder ein Bilderbuch zum Thema Zeitwohlstand.

Mittlerweile bestehen über 140 solcher Bausteine, die regelmäßig im Blue Engineering Seminar und außerhalb zum Einsatz kommen. Sie alle werden ab Ende 2017 auf der Homepage frei zugänglich zur Verfügung gestellt. Einen ersten Einblick bieten bereits unser Baukasten.

Umsetzung an der TU Berlin

Die TU Berlin bekennt sich in ihrem Leitbild und in der Allgemeinen Studien- und Prüfungsordnung die Nachhaltige Entwicklung zu fördern. Das Blue Engineering-Seminar ist in diesem Sinn ein zentraler Beitrag im Bereich der Lehre und wird seit 2011 jedes Semester angeboten. Im Schnitt legen etwa 80 Studierende pro Semester eine Prüfung ab. Derzeit kann das Seminar als 6-LP-Wahlpflichtmodul unter anderem in den Studiengängen Maschinenbau, Informationstechnik im Maschinenwesen und Wirtschaftsingenieurwesen belegt werden. Eine Ausweitung auf andere Bachelor-Studiengänge ist wünschenswert.

Angesiedelt ist das Blue Engineering-Seminar am Fachgebiet Konstruktion von Maschinensystemen. Modulverantwortlicher ist Prof. Dr.-Ing. Henning Meyer. Für die Durchführung ist André Baier als wissenschaftlicher Mitarbeiter verantwortlich. Die Durchführung erfolgt im wesentlichen durch drei Tutor_innen, die alle Grundbausteine eigenständig durchführen und die Teilnehmenden das ganze Semester über begleiten.

Aufbau des Blue Engineering-Seminars

Das Blue Engineering-Seminar an der TU Berlin hat eine Gesamtkapazität von 100 Teilnehmenden pro Semester. Das Seminar ist so gestaltet, dass die Teilnehmenden für zeitweise in einem Raum zusammenkommen und hier zusammenarbeiten. Die meiste Zeit werden sie jedoch auf drei Räume aufgeteilt, um intensivere Gruppenarbeiten zu ermöglichen. Das Seminar umfasst pro Woche 4 Stunden und erstreckt sich über das ganze Semester. Es besteht im wesentlichen aus drei Phasen:

  • In der ersten Phase führen Tutor_innen sechs festgelegte Grundbausteine durch, um den Teilnehmenden die Arbeitsweise sowie den allgemeinen inhaltlichen und didaktischen Anspruch des Seminars zu vermitteln. Die Themen sind hier unter anderem Technikbewertung, Plastik, Technik als Problemlöser, Verantwortung und Kodizes und das Produktivistische Weltbild.
  • In der zweiten Phase führen die Teilnehmenden in Kleingruppen eine wechselnde Auswahl an bestehenden Bausteine für ihre Kommiliton_innen durch und lernen so aktiv, wie eine anspruchsvolle Lehr-/Lerneinheit gestaltet werden kann. Die Themen sind hier unter anderem: “Gender, Diversity & Technik”, Stromopoly, Atomkraft-Anno Domini, Peak Everything, “Arbeit, Gesellschaft und Gewerkschaft”, Automatisierung vs. Gute Arbeitsplätze, Virtuelles Wasser, Land Grabbing.
  • In der dritten Phase präsentieren die Kleingruppen einen Baustein, den sie über das gesamte Semester entwickelt haben. Das Thema und die Methoden setzen die Teilnehmenden in der Regel selbst. Zur Qualitätssicherung erhalten sie mehrmals Feedback von Kommiliton_innen und Tutor_innen.

Prüfungsleistungen

Das 6-LP-Modul wird durch vier prüfungsäquivalente Studienleistungen abgeschlossen, die jeweils ein Viertel der Gesamtpunktzahl ausmachen:

  • das wöchentlich zu führende Lernjournal, dient der eigenen Reflexion, der Verknüpfung von Themenfeldern und zeigt auf in welcher Form eine Auseinandersetzung über das Seminar hinaus stattfand, z.B. Zeitungsartikel gelesen, Gespräch mit Freund_innen oder Familie gesucht
  • die Durchführung eines bestehenden Bausteins für etwa 20 Kommiliton_innen

die Durchführung eines neu entwickelten Bausteins, der von einer Kleingruppe über das ganze Semester erarbeitet wurde

  • die Dokumentation des neu entwickelten Bausteins, um eine spätere Wieder- und Weiterverwendung zu ermöglichen

Evaluation

Etwa 90% der Teilnehmenden geben in der Abschlussbefragung an, dass sie das Seminar weiterempfehlen werden. Etwa 50% der Teilnehmenden nehmen daher auch auf Grund einer Empfehlung an dem Seminar teil.

Der Anteil an weiblichen Studierenden liegt insgesamt etwa bei 25%. Besonders ist in diesem Zusammenhang aber zu erwähnen, dass der Anteil der Studentinnen des Maschinenbaus, der Informationstechnik im Maschinenwesen und der Physikalischen Ingenieurswissenschaften, um 50% höher liegt, als er der jeweiligen Kohorte entspricht. Dies lässt darauf schließen, dass die Betonung der ökologischen und sozialen Relevanz die Attraktivität der Ingenieurwissenschaften steigern kann.

Die Qualität der von Studierenden entwickelten Bausteine ist ausgesprochen hoch, wie auch ihre Dokumentation zum weiteren Gebrauch. Viele Bausteine zeugen von einer besonders intensiven Beschäftigung mit Themen, die oftmals (noch) kaum beachtet werden. Zugleich ist scheinbar der kreativen Umsetzung keine Grenzen gesetzt. Die qualitative Evaluation durch Interviews mit Studierenden und die Auswertung der Lernjournale zeigt, dass dies vor allem an zwei Faktoren liegt. Zum einen können sich die Studierenden frei mit einem Thema auseinandersetzen, das sie sich selbst aussuchen und oftmals schon lange beschäftigt. Zum anderen motiviert es die Studierenden besonders, dass ihre Arbeit in den kommenden Semestern von anderen Kommiliton_innen genutzt wird, um anspruchsvolle Lehr-/Lernsituationen zu gestalten.

Neben einer qualitativen Evaluation, werden die Lernziele auch durch eine quantitative Evaluation überprüft, deren Kern eine vergleichende Selbsteinschätzung der Kompetenzen ist. Hierzu wurden die 12 an das Seminar angepassten Gestaltungskompetenzen in Items eines Fragebogens umformuliert. Jeweils zu Beginn und Ende des Semesters sollten die Studierenden ihre Kompetenzen einschätzen. Bei nahezu allen Items und bei allen 12 Gestaltungskompetenzen zeigen die Teilnehmenden einen Zuwachs um etwa 1 Punkt auf einer 6-Punkt-Likert-Skala auf.

Umsetzung an anderen Hochschulen

Durch eine Initiative von Studierenden wird ein Blue Engineering-Seminar seit 2012 auch jedes Semester an der TU Hamburg-Harburg. Dort wird es als 2-LP Blockseminar im freien Wahlbereich für die Bachelorstudiengänge angeboten und als Mischung aus Blockseminar und einer Reihe von Abendveranstaltungen im Masterbereich. Seit 2016 wird es an der Hochschule Düsseldorf lals 5-LP im Wahlpflichtbereich angeboten, wobei das Seminar in der ersten Hälfte eines Semester jede Woche stattfindet und mit einem Wochenend-Block in der Mitte des Semesters abschließt. Insgesamt zeigen die drei verschiedenen Varianten der Seminargestaltung, dass das Blue Engineering-Konzept flexibel an die jeweiligen Bedingungen an einer Hochschule angepasst werden kann. Durch den modularen Charakter der auf eine Wieder- und Weiterverwendung aller Elemente ausgelegt ist, lässt sich das Seminar-Konzept sicher auch ohne weiteres an anderen Hochschulen umsetzen.